Else Lasker-Schüler-Gesellschaft feiert ihren 30. Geburtstag

Gründer Hajo Jahn mit Angela Winkler
Gründer Hajo Jahn mit Angela Winkler

Hajo Jahn gründete 1990 die Else Lasker-Schüler-Gesellschaft; sie gehört mit ihren ca. 1.200 Mitgliedern zu den größten Literaturgesellschaften Deutschlands. Sitz der Literaturgesellschaft ist die Herzogstraße 42 in Wuppertal. In diesem Haus hat Else Lasker-Schüler mit ihrem damaligen Mann gelebt, bevor sie nach Berlin zog.

 

Ziel der Gesellschaft ist es, das literarische und künstlerische Werk der 1869 in Elberfeld geborenen, während des Nationalsozialismus verfolgten und 1945 in Israel gestorbenen Dichterin zu pflegen und als wichtigen Beitrag zur deutsch-jüdischen Kultur lebendig zu erhalten. Die Gesellschaft unterstützt Forschungen zu Else Lasker-Schüler wie etwa die Herausgabe der kritischen Gesamtausgabe im Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag, die sie ebenso mitinitiiert hat wie die Etablierung eines Lehrstuhls zu Erforschung des literarischen Werks an der Bergischen Universität. In den vergangenen fünf Jahren unterstützte die Literaturgesellschaft insbesondere die Forschung von Dr. Karl Bellenberg zur Musikalität im Werk von Else Lasker-Schüler. So konnte Karl Bellenberg u.a.  dokumentieren, dass sie die meistvertonte deutschsprachige Dichterin ist. Mehr als 400 Komponisten haben rund 1800 Gedichte in Töne gesetzt.

 

Neben der Pflege des literarischen und künstlerischen Erbes sowie der Unterstützung der wissenschaftlichen Erforschung des Gesamtwerks Else Lasker-Schülers versteht sich die nach der Elberfelder Dichterin benannte Gesellschaft als gesellschaftlich engagierte und zeitkritische Literaturvereinigung. Ziel ist, im Sinne eines zivilgesellschaftlichen und bürgerschaftlichen Engagements, an einer zeitgemäßen Erinnerungskultur mitzuwirken. Für uns steht das Schicksal Else Lasker-Schülers stellvertretend für alle in der NS-Zeit und heute aus rassistischen, politischen, religiösen und weltanschaulichen verfolgten Menschen. Vorbild ist der Appell Immanuel Kants „Sapere aude – Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen" als Leitspruch der Aufklärung. 

 

Gewissen gegen Gewalt

Ziel war es, mit einem Else Lasker-Schüler-Zentrum einen Ort zu schaffen gegen die „Universalität des Vergessens“. Diese Bemühungen mündeten 2015 in der Gründung des "Zentrums der Verfolgten Künste" in Solingen. Es gehört zu den wenigen Institutionen, die sich dauerhaft mit verfolgten Künstlern und ihren verbotenen Werken auseinandersetzt. In permanenten sowie wechselnden Ausstellungen wird ihren Schicksalen nachgegangen und die Frage nach den Ursachen für die Verfolgung von Künstlern gestellt. Dieser Gründung vorausgegangen waren wesentliche Initiativen der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft wie die Publikation des Buches „Gewissen gegen Gewalt“. Neben Hajo Jahn als Herausgeber sprechen sich darin prominente Autoren, Politiker und Wissenschaftler in Essays über die Wirkungsweise und pädagogische Arbeit für die Errichtung eines solchen Zentrums aus. Realisiert wurde dieses Zentrum im Kunstmuseum Solingen mit der Sammlung Gerhard Schneider mit bildender Kunst und der Exil-Literatur-„Sammlung Jürgen Serke“ , angekauft von der Stiftung der ELS-Gesellschaft. Ergänzt mit Dauerleihgaben von 23 Original-zeichnungen Else Lasker-Schülers, die 1937 als „entartet“ aus der Berliner Nationalgalerien beschlagnahmt worden waren, und mit Originalbriefen von Thomas Mann an die Deutschen Exilblätter in Santiago de Chile. 

 

Auf Initiative Hajo Jahns und der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft wurde zudem das Virtuelle Zentrum der Verfolgten Künste (www.exil-archiv.de) realisiert, in dem sich zahlreiche Biografien verfolgter Intellektueller befinden. Zuvor war im Internet der Exil-Club (www.exil-club.de) eingerichtet worden. Bei diesem pädagogischen Projekt konnten Schüler in ihren Heimatstädten die Lebensgeschichten verfolgter widerständiger Menschen in der NS-Zeit recherchieren und ihre Ergebnisse im Internet auf dieser Plattform veröffentlichen. Nach Einstellung der Förderung durch den Bund ging dieses Modellprojekt leider offline. 

 

Aktuelle literarische Netzwerke

Seit 1993 hat die Else Lasker-Schüler-Gesellschaft 22 Literaturforen ausgerichtet. Zunächst in Wuppertal und Solingen (1993 – 2000). 2001 fand erstmals ein Else-Lasker-Schüler-Forum im Ausland statt; bezeichnenderweise in Jerusalem, jener Stadt, in der die deutsch-jüdische Dichterin ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. Schirmherr war Simon Peres. Dadurch entstanden Freundschaften zwischen israelischen und deutschen Schriftstellern, Künstlern und Wissenschaftlern, die bis heute tragen. Durch diese Kontakte wurde es auch möglich , Zeitzeugen des Holocaust aus Israel und den USA nach Deutschland zu holen, wo sie deutschen Jugendlichen authentisch von den Verbrechen der Nazis erzählten. Unter diesen befand sich auch Greta Klingsberg. Sie war die letzte überlebende weibliche Hauptdarstellerin der Aninka in der Kinderoper Brundibár im KZ Theresienstadt. Die Begegnungen zwischen Greta Klingsberg und deutschen, tschechischen und österreichischen Schulklassen dürften den Jugendlichen unvergesslich bleiben.

 

Immer häufiger fanden seit 2001 Literaturforen im Ausland statt. Es waren die ersten Kulturforen einer deutschen Literaturgesellschaft zur Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte in Polen (Breslau/Wroclaw), Tschechien (Prag), der Schweiz (Zürich und später auch in Ascona), Italien (Catania), Österreich (Wien) und noch einmal Israel (Tel Aviv). 

 

Else Lasker-Schüler-Lyrikpreis

1994 wurde erstmals der Else Lasker-Schüler-Lyrikpreis vergeben, und zwar an Thomas Kling, der für viele Leser und Experten als einer der wichtigsten zeitgenössischen Dichter gilt. Die zweite Preisträgerin war 1996 die Österreicherin Friederike Mayröcker. Nach langer Pause - die Gesellschaft hatte keine Sponsoren mehr gefunden - konnte 2016  an diese Tradition wieder angeknüpft werden. Die Preisträgerin des mit 3000 Euro dotierten Preises war die Lyrikerin Safiye Can, Tochter von Tscherkessen, die aus der Türkei nach Deutschland eingewandert waren; die Verleihung fand am 11. November 2016 statt. 2018 wurde das "The Poetry Project Berlin" mit dem Preis ausgezeichnet: sechs junge afghanische Flüchtlinge, die ihre traumatischen Erlebnisse lyrisch verarbeitet hatten. 2020 erhielt Geertje Suhr den Preis, eine deutsche, in den Chicago lebende Dichterin, die in Prag geboren wurde als Kind eines Nazis. Das hat die Lyrikerin in dem Prosaband "Baby im Dritten Reich" verarbeitet.

 Else Lasker-Schüler-Gesellschaft wird 30: ein Videogruß

Wegen der Corona-Pandemie musste die eigentlich vorgesehene Feier am 21. November 2020 im Zentrum für verfolgte Künste in Solingen abgesagt werden. In dem folgenden Video sehen Sie eine Grußbotschaft des Vorsitzenden der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft Hajo Jahn und "ein Geburtstagsständchen" im Meistermann-Saal des Zentrums für verfolgte Künste: "Vier ernste Gesänge" - Vertonungen von Gedichten Else Lasker-Schülers.

 

Am Piano: Komponist Stephen Harrap

Gesang: Esther Borghorst

Anmoderation: Hajo Jahn